Ein verregneter Maltreff
Manchmal planen wir unsere kreativen Ausflüge bis ins kleinste Detail. Wir suchen den perfekten Ort, packen die passenden Farben ein, richten uns gedanklich auf eine ganz bestimmte Perspektive ein und hoffen auf das sanfte, goldene Licht, das unsere Motive so wunderbar umschmeichelt. Und dann? Dann schickt uns das Leben dichte, graue Regenwolken, einen standhaften Nieselregen und ein Bild, das auf dem Papier plötzlich etwas völlig anderes werden will als das, was unsere Augen in der Realität sehen.
Genau das durfte ich am vergangenen Wochenende erleben, als es wieder einmal so weit war: Unser Maltreff stand an. Eine kleine, feine Gruppe Gleichgesinnter, die sich der Magie des Augenblickes verschrieben hat. Doch dieses Mal war alles ein wenig anders. Dieses Mal ging es nicht um das bloße Abbilden der Natur, sondern um eine tiefe Lektion im Loslassen.
Ein geschichtsträchtiger Ort am Rande des Dorfes
Für unseren gemeinsamen Tag hatten wir uns einen ganz besonderen Platz ausgesucht. Es zog uns an den südlichen Rand unseres Dorfes. Ein Ort, der eine ganz eigene, fast greifbare Ruhe ausstrahlt und eine tiefe historische Seele besitzt. Wenn man dort steht, spürt man förmlich die Schritte der Künstlerinnen und Künstler, die vor Jahrzehnten genau hier ihre Staffeleien aufgestellt haben. Es ist ein historischer Bezugspunkt, ein Ort des Sehens und Verweilens, an dem bereits unzählige Skizzen, Fotografien und Ölgemälde entstanden sind und auf dessen Weg die Post in früheren Zeiten unser Dorf erreichte.
Von diesem Standpunkt aus öffnet sich der Blick weit in die Landschaft. Die Augen folgen saftigen, tiefgrünen Wiesen und weiten Auen. Sie gleiten entlang eines dichten Flusslaufes, der von alten, schattenspendenden Bäumen gesäumt wird, und wandern schließlich hinüber zum Unterdorf. Dieses breitet sich so malerisch, so friedlich an einem sanften Hang aus, dass man am liebsten sofort jeden einzelnen Dachziegel und jedes Fachwerk mit dem Pinsel nachfahren möchte.
Doch die Natur hatte an diesem Vormittag ein ganz eigenes Farbspektrum für uns vorbereitet. Statt strahlendem Sonnenschein hingen schwere, mächtige Regenwolken tief über dem Tal. Der Himmel war ein einziges, lebendiges Gesamtkunstwerk aus verschiedenen Grautönen – von zartem Taubenblau bis hin zu bedrohlichem Schiefergrau. Bereits der frühe Morgen war von immer wiederkehrenden Regenschauern durchzogen gewesen. Und als ich schließlich am Treffpunkt ankam, empfing mich die Landschaft mit einem stetigen, feinen Nieselregen.

Zwischen Nässe und Geborgenheit: Die erste Lasur
Viele hätten bei diesem Wetter wohl direkt wieder die Malsachen eingepackt und wären umgekehrt. Doch wir Malerinnen sind hartnäckig wenn uns ein Ort erst einmal in seinen Bann gezogen hat. Trotz der düsteren Wetterprognose spürte ich diesen unbändigen Drang, genau hier zu bleiben. Also schnappte ich mir meine Malsachen und suchte Zuflucht. Ich postierte mich direkt am Flusslauf unter den großen, alten Bäumen, deren dichtes Blätterdach mir wie ein natürlicher Schirm Schutz vor den Wassertropfen bot.
Ich muss ehrlich zugeben: Der Blick von dort unten, direkt am Wasser, war für mich und mein geplantes Motiv nicht ganz stimmig. Die Perspektive auf das Unterdorf war leicht verschoben, die Bäume verdeckten einen Teil der Sicht, die ich mir eigentlich erhofft hatte. Aber es war trocken – und das war in diesem Moment das Wichtigste.
Ich öffnete meinen Aquarellkasten, feuchtete die Pigmente an und begann ganz ohne Vorzeichnung. Kein Bleistiftstrich, der mir den Weg wies. Keine harten Linien, an denen ich mich festhalten konnte. Nur das weiße Papier und die nasse Farbe. Ich startete mit einer ersten, sehr großzügigen Lasur – einer sanften Waschung, die die feuchte, diesige Atmosphäre dieses Regentages einfangen sollte. Das Wasser auf dem Papier floss mit dem Nieselregen in der Luft zusammen. Es war ein wunderbarer, fast meditativer Moment.
Als der Pinsel ein Eigenleben entwickelte
Doch als ich mich den nächsten Farbschichten widmete und das Bild langsam Tiefe gewinnen sollte, geschah etwas Faszinierendes. Wer schon einmal mit Aquarellfarben gearbeitet hat, weiß, dass dieses Medium ohnehin gerne seinen eigenen Kopf durchsetzt. Doch an diesem Tag ging es noch weit darüber hinaus. Ich merkte plötzlich, wie sich mein Pinsel quasi verselbstständigte. Es war, als führte er ein ganz eigenes, geheimes Leben, entkoppelt von dem, was mein Verstand eigentlich tun wollte.
Meine Augen blickten auf das malerische Dorf am Hang, auf die roten Ziegeldächer und die vertrauten Fachwerkhäuser. Doch meine Hand weigerte sich, diese Formen zu Papier zu bringen. Statt der realen Dorfansicht entwickelten sich unter meinen Pinselstrichen plötzlich kleine, urige Hütten. Und anstelle der sanften Laub- und Flussbäume am Ufer entstanden auf dem Papier dunkle, majestätische Nadelbäume, die diese geheimnisvollen Hütten sanft umrahmten.
Im ersten Moment war ich völlig verzagt. Ein innerer Konflikt brach in mir auf. Ich spürte diesen Impuls, mich selbst zu reglementieren, mich zu „zwingen“, doch bitteschön das zu malen, was ich vor mir sah. „Du bist doch hier, um das Dorf zu malen!“, flüsterte meine innere Kritikerin. Ich versuchte, die Striche zu korrigieren, die Häuser wieder in die Realität zurückzuholen. Aber die Farbe wollte nicht. Der Pinsel wollte nicht. Und ich wollte nicht.
Das Geschenk des Loslassens: Der geheimen Eingebung folgen
Und dann atmete ich tief durch. Ich blickte auf die grauen Wolken, hörte das sanfte Plätschern des Flusses und das leise Prasseln des Nieselregens auf den Blättern über mir. Ich beschloss, den Kampf aufzugeben. Ich ließ den Wunsch nach Perfektion und den Zwang der exakten Abbildung komplett los. Ich gab dem Bild die Erlaubnis, das zu werden, was es selbst sein wollte, und folgte von nun an ganz bedingungslos meiner geheimen, inneren Eingebung.
Ab diesem Moment war es das reine Glück. Die Farben flossen frei, die Nadelbäume bekamen tiefe, mystische Grüntöne und die kleinen Hütten strahlten eine unbeschreibliche Gemütlichkeit inmitten der rauen gemalten Landschaft aus. Es war nicht das Abbild des Dorfes, das dort entstand. Es war das Abbild meiner inneren Welt in diesem besonderen verregneten Moment.
Zwischendurch nieselte es immer wieder, weitere dunkle Wolken zogen am Himmel vorbei und forderten unsere Ausdauer heraus. Doch wir hielten durch. Und das Timing der Natur war absolut perfekt. Erst als ich mit meinem Bild nahezu vollkommen fertig war, öffnete der Himmel komplett seine Schleusen und es begann, in Strömen zu regnen. Da aber hatten wir unsere Sachen bereits glücklich zusammengepackt. Während die Natur draußen nun eine richtige Dusche bekam, war ich bereits wieder auf dem Heimweg – zurück ins gemütlich warme Trockene, mit einem fertigen Bild im Gepäck, das mich so viel gelehrt hat.

Dieses Erlebnis hat mir wieder einmal gezeigt, wie heilsam es ist, die Kontrolle abzugeben – nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Alltag. Deshalb möchte ich dieses Gefühl heute als Impuls an dich weitergeben.
- Lass den Plan los: Wenn du das nächste Mal zu deinen Farben, deiner Kamera oder deinem Notizbuch greifst, erlaube dir, den ursprünglichen Plan über den Haufen zu werfen. Wenn aus der geplanten Blume ein abstrakter Fleck wird oder aus einem Gedicht nur ein einziger, tiefer Satz – lass es geschehen.
- Vertraue deiner Eingebung: Wenn deine Hand etwas anderes tun will als dein Kopf, zwinge dich nicht zurück in die Schablone. Folge dem Fluss. Genau in diesen unvorhergesehenen Momenten entsteht die wahre Alltagspoesie.
„Ich vertraue dem Fluss meiner eigenen Kreativität und erlaube mir, mich von meinen eigenen Wegen überraschen zu lassen.“




